HDS/L Symposium: Digitalisierung und persönlicher Austausch

Am 31. Mai standen die Böhler Werke am Westrand der Modemetropole Düsseldorf ganz im Zeichen der Digitalisierung. Im Anschluss an die jährliche Mitgliederversammlung des Bundesverbands der Schuh- und Lederwarenindustrie kamen rund 130 Vertreter der Branche zum HDS/L Symposium zusammen. Als Veranstaltungsort hatte der HDS/L bewusst das Areal Böhler gewählt. Schließlich werden die Böhler Hallen Ende August der neuen Messe „Gallery Shoes“ als Location dienen. Ulrike Kähler, verantwortlich für die Gallery Shoes, war persönlich vor Ort und ließ es sich nicht nehmen, die Teilnehmer über das reizvolle Gelände mit Industriekulissen-Charme zu führen und ihnen einen exklusiven Einblick in die Messeplanung zu ermöglichen.

Das HDS/L Symposium selbst stand in diesem Jahr unter dem Motto „Digitalisierung 4.0 /Chancen und Herausforderungen – gemeinsame Lösungen“. Hochkarätige Referenten, darunter auch einige Start-Ups, zeigten mit ebenso spannenden wie pragmatischen Beiträgen neue Möglichkeiten und Perspektiven für die Schuh- und Lederwarenbranche auf. „Die beachtliche Teilnehmerzahl zeigt, wie wichtig das Thema für die Branche ist und dass der persönliche Austausch auch in Zeichen der Digitalisierung nach wie vor zählt“, so HDS/L Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert. Auch Ralph Rieker, der scheidende Vorsitzende des Verbandes, wies in seinem Grußwort auf die Bedeutung der Digitalisierung hin. „Digitalisierung ist wie Kriechöl – sie dringt schleichend durch alle Ritzen. Auch in unserer Branche genießt das Thema Digitalisierung höchste Priorität. Aber ich glaube, da ist noch viel Luft nach oben!“ Viele Unternehmen zögerten noch vor den Investitionen, die die digitale Vernetzung erforderlich macht. „Wir können und dürfen es uns aber nicht leisten, die Digitalisierung auszusitzen“, so Ralph Rieker entschlossen. Der Schuhfachmann ist überzeugt, dass die Digitalisierung der Branche hervorragende Entwicklungsperspektiven bietet. Dabei gehe es um intelligente und miteinander vernetzte Maschinen in der Produktion, aber auch um die Kommunikation zwischen Lieferanten und Kunden. Zwischen Handel und Endverbraucher. Die Beschleunigung und Transparenz der Prozesse ist Voraussetzung. „Bauen Sie Brücken, keine Mauern“, appellierte Ralph Rieker an die Branche.

Theorie und Praxis

In Zeiten von Big Data, schwindender Kundenfrequenz auf der Ladenfläche und innovativer Start-ups scheint es, als eile die digitale Revolution dem Zenit entgegen, so Dr. Ludwig Veltmann von Der Mittelstandsverbund. Der Verbundgruppen-Fachmann ist sich bewusst, dass der stationäre Handel aktuell massiv Marktanteile an den Online-Handel verliert. Das liege vor allem an den digitalen Vertriebswegen, die den Kunden den Einkauf weit bequemer gestalten. „Das Kundenzeitalter hat längst begonnen. Es kommt jetzt auf eine bessere und schnellere Datenverzahnung mit dem Kunden an“, so Veltmann. Der Faktor Mensch spiele im Digitalisierungs- und Change Prozess aber nach wie vor eine wichtige Rolle.

Wie Wissensvermittlung bzw. „Brand Edutainment“ in der Praxis funktioniert, zeigten Daniela Hasler von Ara Shoes, Ullrich Lüke von der ANWR und Stephan Krug von SABU auf. In Kooperation mit dem HDS/L wird den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Schuh- und Lederfachhandel eine digitale Lernplattform, der so genannte O1-Channel, angeboten. Diese Lernplattform bietet kompaktes Wissen rund um den Schuh und macht die Mitarbeiterinnen im Handel zu Markenbotschaftern. Partner des unter Federführung der ANWR im vergangenen Jahr initiierten Pilotprojekts O1-Channel sind derzeit die Schuhhersteller Ara Shoes und Ricosta. Weitere Teilnehmer sind willkommen. „Die positiven Erfahrungen aus der Testphase zeigen, wie gut die neue Lernplattform mit ihren informativen und kurzweiligen Videos funktioniert“, so die Betreiber unisono.

Die digitale Vernetzung am POS und die verlängerte Ladentheke standen im Mittelpunkt des Vortrags von Kai Moewes, Ricosta, und Alexander Hock, ANWR Media. „Im Zuge der Digitalisierung müssen stationäre Fachhändler auf die wechselnden Wünsche und Erwartungen der Kunden eingehen. Mit Hilfe der elektronischen Regalverlängerung wird ein direkter und einfacher Zugriff auf die B2B-Lagerbestände des Lieferanten möglich“, appellierte Kai Moewes an die Vertreter des Handels und der Industrie. Ausverkaufte oder nicht georderte Artikel können Händler für den Endkunden dann direkt beim Lieferanten bestellen. Wie die Handhabung dieser Bestellungen für die Mitglieder der ANWR durch das Portal schuhe.de vereinfacht wird, erläuterte Alexander Hock. Der Multichannel-Experte führte live die Funktionsweise des Portals schuhe.de vor, zeigte erste Erfahrungen mit direkten Bestellungen aus dem Lieferantenlager und warb um mehr Teilnehmer aus der Industrie, um die Digitalisierung schneller voranzutreiben.

Start-ups gestatten Blick über den Tellerrand

Im Rahmen einer Pecha Kucha Vortragsreihe präsentierten Start-Ups ihre innovativen Ideen für die Branche. „Die Digitalisierung des Handels schreitet unaufhaltsam voran: jenseits digitaler Technologien am POS erwartet eine neue, junge Käuferschicht immer mehr vom Online-Auftritt von Marken und Händlern“, ist Anna Rojahn, Spezialistin für kommerzielle Anwendungen von Augmented und Virtual Reality überzeugt. Die fortschreitenden Entwicklungen im Technologie-Sektor böten oft schon schlüsselfertige Lösungen, um den Handel zu unterstützen und neue Erlebniswelten für den Kunden entstehen zu lassen. Ihr Vortrag über die Verknüpfung von offline und online zeigte auf, wie man seine Produkte dank automatisierter 360°- und 3D-Produktfotografie auch in der digitalen Welt erlebbar machen kann.

Christin Grube von die Schuhleister GmbH & Co. KG realisiert mass-customization in der Schuhindustrie. Auf Basis von 3D Technologie hat das Start-up ein vierstufiges Produktionssystem entwickelt, welches bei Losgröße #1 beginnt. Teil des Portfolios sind unter anderem physische Produkte wie Schuhe, Einlagen sowie digitale Services wie Schuhgrößen/Modellzuordnung, Leistendigitalisierung und weitere. Das System ist auf zwei Hauptzielgruppen ausgerichtet: Als full-service white Label Produzent richtet es sich an Unternehmen, die ihre eigene Schuhmarke lancieren oder ihre existierende Marke um Einlagen und Schuhprodukte erweitern möchten. Mit zahlreichen Services entlang der gesamten Wertschöpfungskette wendet sich Christin Grube an Hersteller der Schuh- und Modeindustrie sowie an den Einzelhandel.

„Die Schuhe wechseln ohne sie zu wechseln?“ Geht das? Wie ein 2in1 High Heel funktioniert, führte Martin Riebe von Heelena bildlich vor. Riebe und sein Team der RWTH Aachen haben eine innovative Lösung entwickelt, mit der durch High Heels entstehende gesundheitliche Probleme umgangen werden können: „Ein High Heel, der zum flachen Schuh gewandelt werden kann – ohne abnehmbare Absätze.“ Die Vision des Start-Ups ist, dass die moderne Frau sich nicht mehr zwischen Eleganz und Komfort entscheiden muss. Ziel von Heelena ist es, eine komfortable Schuhbasis (Sohle und Absatz) für B2B Kunden anzubieten, so dass Labels, Designer und Produzenten ihr Sortiment mit wandelbaren High Heels nach ihren Designvorstellungen erweitern können. 

Tradition trifft auf Innovation. Tobias Zimmerer und Hans-Martin Knerr von 3D Schuhdesign entführten die Teilnehmer von der handwerklichen Prototypen-Entwicklung in die virtuelle Welt. Zimmerer zeigte auf, wie die verlässlich manuellen Methoden und das Fachwissen der Schuhexperten in die digitale Arbeitsweise übersetzt werden können. „Die Art und Weise wie Schuhmodelle entstehen hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Zeiträume von mehreren Wochen, Fremdvergaben von Kernaufgaben und hohe Kosten prägen immer noch den konventionellen Entstehungsprozess“, so der gelernte Maßschuhmacher und Branchenexperte.

3D Schuhdesign hat ein Verfahren entwickelt, das die bewährten Arbeitsweisen in einen komplett digitalen Workflow transformiert und die Datenhoheit somit im Unternehmen bleibt. „Unser Workflow zeichnet sich durch Zeitersparnis, Kreativität, autarkes und kostengünstiges Arbeiten aus. Wir bieten bezahlbare Lösungsansätze in anspruchsvollen Zeiten“, so Zimmerer.

Digitale Disruption oder digitale Transformation – Vertikalisierung als Rettungsanker?

Dieser Frage widmete sich der abschließende Vortrag von Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Leiter des e-Web Research Centers an der Hochschule Niederrhein. „Digital Insider gehen davon aus, dass mittel- bis langfristig keine Branche von dem disruptiven, digitalen Wandel verschont bleibt“, so der Handelsexperte. Jedes attraktive Marktsegment werde von Investoren so lange befeuert, bis sich ein digitaler Player durchsetzt. Wer auch in Zukunft erfolgreich ein Geschäft betreiben will, brauche darauf eine Antwort. „Nach dem Vorbild der digitalen Disruption lässt sich ohne Zweifel die größte Wachstumsdynamik mit Online Pure Plays entwickeln: Sie wachsen „ohne Ballast und Altlasten“ in unglaublicher Geschwindigkeit“ ist Heinemann überzeugt. Allerdings bringen diese den dringend erforderlichen digitalen Wandel im angestammten Geschäft selten voran. Unsicherheit besteht deswegen häufig darin, welche Schritte im Rahmen der Digitalisierung für das eigene Unternehmen einzuleiten sind. Erster Schritt sollte vor allem die Entwicklung und Verabschiedung einer - auch gegenüber den Innovatoren - wettbewerbsfähigen Digitalstrategie unter Infragestellung bestehender Geschäftsmodelle sein. Hierbei geht es vom Anspruchsprinzip vor allem auch darum, die eigene Messlatte auf das Niveau der disruptiven Pure Plays zu legen. Nur so könne eine erfolgreiche Umsetzung der Digitalstrategie erfolgen, für die sich der Begriff der digitalen Transformation durchgesetzt hat. Schuhe hätten derzeit einen online-Anteil von 30%. „Da muss noch einiges passieren“, so der Wissenschaftler. „Digitalisierung heißt auch den stationären Laden zu digitalisieren“, lautet sein dringlicher Appell an den Handel.